Das Gedächtnis unseres Körpers - und wie Tanzen diese Erinnerungen transformiert

Aktualisiert: 13. Aug 2018

Der Tanz kann zwar nicht alles heilen, aber sehr vieles. Er löst emotionale, körperliche, sowie energetische Blockaden durch verschiedene Bewegungsformen und –qualitäten, Berührung und neue Beziehungserfahrungen. Dadurch verringert sich Stress und Anspannung im Körper, genauso im Geist. Mit viel Achtsamkeit wird der psychische Aspekt in einer körperorientierten Therapie, wie es die Tanz- und Bewegungstherapie ist, in den Heilungsprozess miteinbezogen. In einem geschützten Rahmen schafft eine Tanztherapeutin Bedingungen, unter denen sich unser Körper an Vergangenes erinnern mag, um Schmerzhaftes zu transformieren. Dabei darf geweint und auch gelacht werden.


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Tanzen transformiert Erinnerungen. Damit beschäftigt sich eine Tanztherapeutin. (Photo iStock)

"Erst als ich mich noch bewusster mit meinem eigenen Körper auseinandersetzte und vor über 13 Jahren eine Ausbildung mit Tanz als Therapieform begann, fing ich an zu begreifen, dass Tanzen nicht nur ein Ausdruck meiner Gefühle und inneren Bilder war, sondern noch viel mehr", erklärt Irina den Grundstein für ihre Arbeit. In ihren Tänzen taucht sie tief in die Erinnerungen ein, die in ihrem Körper gespeichert waren und heute teilweise auch noch sind. Sie lernte den Tanz als ein für sie heilsames Mittel kennen: tief bewusst oder unbewusst Verborgenes auf kreative Art und Weise, mal sanft und mal kraftvoll, mal weich und mal eckig, mal laut und mal leise zu transformieren. Dabei ist sie sich selbst immer näher gekommen. In ihre Mitte. Und zu dem Menschen, zu dieser Frau und zu dem Wesen, das sie heute ist und auch gerne sein möchte.


Irinas Familiengeschichte selbst ist bewegend und sie erzählt sie ohne Reue oder Bedauern. „Und trotzdem", meint sie mit leuchtenden Augen beim Erzählen, „hat es in mir immer schon eine Kraft gegeben, die sich weiter ent-wickeln wollte und sich seit dem Teenageralter zunächst nicht zufrieden gab, mit der Realität und der Welt, wie sie sich zeigte." Heute bezeichnet sie diese Kraft als Kraftquelle oder ihre Resilienz. Durch die Bewegung und insbesondere durch den Tanz, hat sie vergessenen oder zurückgehaltenen Gefühlen einen kreativen Ausdruck geben können. Und dabei neue Erkenntnisse für ihr Leben und ihr Sein in der Welt gewonnen.

"Um das geht es nämlich in der Tanztherapie", erklärt Irina Horvath, "um Zugang zu finden zur eigenen Emotionalität, welche bei unserer intellektuell orientierten Gesellschaft ein immer grösseres Bedürfnis zu sein scheint, wenn wir uns all die Burn- oder Bore-Out und Depressionsdiagnosen anschauen. Auch bei Angstsymptomen, Psychosomatischen Beschwerden, bei Unsicherheit im Selbstwertgefühl und in der Beziehungsfähigkeit wirkt die Tanztherapie."


"Soweit muss es jedoch nicht kommen", führt Irina aus, "richten wir zuerst den Scheinwerfer auf die eigene Kindheit zurück. Dann können wir noch besser verstehen lernen, weshalb das Gedächtnis unseres Körpers und der Tanz in einen wesentlichen Zusammenhang gebracht werden kann."


Für unsere psychische Entwicklung sind die ersten Lebensjahre von immenser Bedeutung und gehören zu einem ganz wichtigen Lebensabschnitt. Von ihm hängt vielfach ab, wie wohl wir uns als Erwachsene in unserer Haut fühlen, wie leicht wir an die Decke gehen oder uns ängstigen, ob wir eher mit eingezogener Schulter oder aufrecht durchs Leben gehen. Wie wir uns in Beziehungen verhalten und wie anfällig wir für psychische Krankheiten sind. Als „Körpergedächtnis“ wird der Teil in unserem impliziten Gedächtnis bezeichnet, an den wir uns im Alltagsleben nicht oder nur schwer zugänglich erinnern mögen. Es umfasst all unsere vergangenen sensorischen, motorischen und emotionalen Erfahrungen aus der Kindheit, die im Hier und Jetzt wirken. Im ersten Lebensjahr reifen Hirnareale, die wichtig sind, für Stressregulation, Affekte und Emotionsverarbeitung. Es entstehen fast doppelt so viele Synapsen wie erforderlich. Wie dieses neuronale Netzwerk schlussendlich genutzt wird, hängt von den frühen Erfahrungen des Kindes ab. Dies geschieht vor allem über die Interaktion mit der engsten Bezugsperson – meist der Mutter. Deren wichtigste Aufgabe in dieser Phase ist: dem Baby Sicherheit zu geben und den Stress abzupuffern, mit dem es auf diese neue, fremde Welt reagiert. Dabei stärkt oder schwächt sich auch die Bindung. Bei der Bindung sprechen Bindungsforscher vom richtigen Mass an Zuwendung und emotionaler Kommunikation, ganz besonders in Trennungs- und Krisensituationen.


Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch, der sich in Deutschland mit dem Thema Bindung schon seit über 25 Jahren befasst und einen wertvollen Anteil an die Kenntnisse über diese sensiblen ersten Jahre im Leben eines Menschen beiträgt, meint dazu: „Bindung ist emotionale Nahrung, die uns am Leben hält. Sie ist gleichberechtigt mit lebenswichtigen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Schlaf, Luft oder Bewegung. Ein sicher gebundenes Kind kann sich besser in andere Menschen hineinversetzen, hat eine bessere Sprachentwicklung, kann sich besser konzentrieren, kann besser Freundschaften schliessen und wird insgesamt in seinen Beziehungen voraussichtlich ein glücklicherer Mensch. Kinder mit einer unsicheren-vermeidenden Bindung unterdrücken ihre Nähebedürfnisse, weil die Eltern auf ihre emotionalen Signale meist abweisend reagiert haben. Sie ziehen sich eher zurück und sind insgesamt nicht so widerstandsfähig gegenüber psychischen Belastungen.“ Jedoch nicht nur die Bindung nach der Geburt zählt. Auch stressauslösende Momente während der Schwangerschaft können die Entwicklung des kindlichen Immunsystems massiv beeinflussen! Diese sind ebenso im Körpergedächtnis gespeichert und können in einem stressvollen Alltag auch als Erwachsene aktiviert werden und bei Nichtbeachtung bis hin zu Krankheiten führen. Auch der Mangel an Berührung im Kleinkindalter hinterlässt eine Lücke im Körpergedächtnis. Der erste Sinn, den wir im Mutterleib entwickeln, bleibt lange der wichtigste: Tastend, greifend, zappelnd und durch Hautkontakt erspürt der Säugling die eigenen Grenzen und baut dadurch sein Körperbild auf. Berührungen geben ihm Halt und Geborgenheit, setzen Wachstums- und Bindungshormone frei, reduzieren Stresshormone, stabilisieren Herzschlag, Atmung und Blutdruck. Wohltuende Erfahrungen, die auch in Erwachsenen wiedererwachen, wenn sie berührt werden. Normalerweise.


Kleine Kinder äussern also ihre Gefühle mit Armen und Beinen, buchstäblich mit jeder Faser ihres Körpers. Es verfeinert nach und nach sein Ausdrucksrepertoire, verknüpft es mit Empfindungen aufgrund gemachter positiver oder negativer Erfahrungen. In einem Körpergedächtnis wächst damit der Fundus an emotionalem Wissen, verbunden mit körperlichen Reaktionen. Was fühlt sich gut an? Worauf kann ich stolz sein? Wofür muss ich mich schämen?


Im Alter von zwei Jahren tritt dann ein neues machtvolles Medium in ihr Leben. Die Sprache. Das Kind lernt, seine Gefühle mehr und mehr durch Worte auszudrücken statt durch Taten. Es lernt sich vom Gefühl zu distanzieren. Im Sinne: Ich habe dieses Gefühl, anstelle von ich bin dieses Gefühl. Dadurch gewinnt das Kind auch einen Schlüssel zu seiner Innenwelt. Damit dies jedoch gelingt braucht es die Hilfe der Eltern, welche nachfragen, um welches Gefühl es sich hinter dem äusseren Verhalten handelt. So lernt das Kind die inneren Stimmen deutlicher wahrzunehmen, jene mitunter subtilen Signale mit denen der Körper neue Situationen emotional bewertet besser zu verstehen, um Entscheidungen treffen zu können.


Als Tanztherapeutin sind die Einflüsse früher Erlebnisse auf das gesamte Leben nicht neu. Die Fortschritte im neurowissenschaftlichen Bereich untermauern die Erkenntnisse. Diese zeigen, dass die Umwelteinflüsse die Aktivität von Genen auch in Nervenzellen beeinflussen und sich das Gehirn fortlaufend ändert, um sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen; es ist „plastisch“. Dieses Wissen wird auch im Tanzen und in der Therapie genutzt. In der Tanztherapie können experimentell Mimik und Gestik gespiegelt, Körperhaltung und Schrittrhythmus synchronisiert und dabei erfahrbar gemacht werden, wie eine Verbindung zwischen zwei Menschen hergestellt werden kann, und sich einander dabei näher zu fühlen. Selbst mit Singen und Tönen können die Aktivitätsmuster der Gehirne angeglichen werden. Diese Erfahrung von einander zuhören und dabei innerlich mitfühlen, mitgehen vertieft die Verbindung und verstärkt das existenzielle Wissen bei der Klientin von: „Sich kennen und erkannt werden.“


Im Tanzen sind diese Prägungen für eine wachsame Beobachterin, wie einer Tanztherapeutin, ersichtlich. Verbale oder Non-verbale Interventionen, sowie Berührung können dem Moment entsprechend von ihr als Impuls hineingegeben werden, so dass sich auf der Bewegungs-, Beziehungs-, Gefühls- oder energetischen Ebene etwas bei der Klientin verändern kann. So dass die Klientin nicht „ausser“ sondern „bei sich“ sein, ihre Gefühle verstehen und kontrollieren kann. Zudem ihrer eigenen Neugier und Entdeckerfreude in ihrem Ausdruck durch den Tanz intuitiv und kreativ nachgehen darf.

Durch die Bewegung und den Tanz, sowie die Art und Weise, wie die Therapeutin und die Klientin miteinander in Beziehung sind, können Erinnerungen, die im Alltagsleben nicht oder nur schwer zugänglich sind, aus dem sogenannten „impliziten Gedächtnis“ ins Bewusstsein gehoben werden und so helfen, den eigenen Körper wieder zu spüren, Lebendigkeit zurückzuerobern oder überbordende Gefühle zu besänftigen. Sowie neue Handlungsweisen über den Tanz erfahrbar gemacht werden. Schlussendlich wird das Erlebte immer auch im Gespräch reflektiert. Durch diesen gesamten Prozess können die Selbstheilungskräfte aktiviert und den Menschen wieder zu seinem inneren Gleichgewicht geführt werden.


Und dann heisst es: Im Alltag dranbleiben. Das Erlebte und Gelernte auch immer wieder bewusst anwenden, so dass sie zur Gewohnheit werden. Dabei kann Tagebuch schreiben, ebenso ein eigenes Bewegungsmantra entwickeln, hilfreich sein.



Irina Katinka Horvath wie sie tanzt, lacht und lebt

Irina Katinka Horvath lebt und arbeitet in Zürich. Als Tanztherapeutin sieht sie sich als Impulsgeberin und Space Holderin, ist dabei Awakening Guide, insbesondere Frauen gehören zu ihrem Hauptklientel. Diese werden in ihren persönlichen und ganzheitlichen Entwicklungsprozessen begleitet. Dabei kann sie sich mit ihnen auf kreative Art und Weise mit der Frage beschäftigen, wie sie zu diesen Frauen wurden, die sie schliesslich sind, welche Kraftquellen sie hatten und haben, um schwierige oder belastende Erfahrungen zu meistern, was in ihnen lebendig ist und wohin sie sich ent-wickeln möchten, wie mutig, leidenschaftlich und inspirierend diese Menschen durch die Verbindung zu ihrer eigenen Kreativität durch den Tanz und anderen kreativen Mitteln werden, um über sich selbst hinauszuwachsen, damit sie ganz ihren eigenen schöpferischen Lebensweg gehen – in vollem Soul–Life–Alignment. Das entsteht, wenn sich das Leben total richtig aufgegleist anfühlt, wenn jeder Tag auf dem vorhergehenden aufbaut, in Richtung etwas, das tief aus dem eigenen Innersten kommt.


In der Schweiz ist die Tanztherapie in der Zusatzversicherung Krankenkassen anerkannt. Eine Sitzung dauert 60 – 90 Minuten. Dabei konzentriert sich die Therapeutin voll und ganz auf die Klientin, hält den Raum und ist voll präsent. Mehr Informationen zu Irinas Arbeit findest du unter: www.irinahorvath.com


Foto: Pascal Bovey